CaroKaiser

UTOPIA KOMMUNIKATION

oder die Sehnsucht nach Exotik

Symposion Wien Bratislava, Kunst im Schatten? Kulturaustausch mit Hindernissen...
IG Kultur Wien, WUK Museumsräume, 2002

Caroline Charlotte Kaiser, Wien, 2002

Thema ist der kulturelle Kommunikationsfluss innerhalb Europas, in dem sich die Begriffe Ost und West zunehmend über die Vorsilbe ‚ehemals‘ definieren – illustriert an Wien und Bratislava, zwei Städten, die sich so nah sind, dass ein Fahrradweg sie verbindet, und so fern, dass es darüber dieses Symposion gibt.

Das Thema möchte ich mit Fragen beantworten, über Exotik, Netzwerke, Rhizome, über Allianzen und Unsichtbarkeiten. Sowie die Erfahrungen einbringen aus unseren Kunst- und Kulturprojekten, die direkt nach der Wende 1989 in Wien und Bratislava begonnen haben, und die zur Gründung des Vereins KulturAXE, transnationale Kommunikation & Kunstaktion, geführt haben.

Zur Titelfrage: Braucht es Exotik als Würze in der Wahrnehmungsmaschinerie des westzentrierten Kunstblicks? Sind wir uns tatsächlich nicht exotisch genug, um uns wiederum interessant zu finden? Tatsache ist, dass zeitgenössische Kunst aus Osteuropa großteils in westlichen Nationen unsichtbar ist, ein Phänomen, das der Philosoph und ehemalige Rektor der Kunstakademie in Wien, Boris Groys, auf den ‚westlichen‘ Blick zurückführt, ein Blick, der die Kunst der ehemaligen kommunistischen Länder nach eigenen Wahrnehmungsmustern erfasst und dementsprechend bewertet als:„… nicht-innovativ, nicht anders genug, nicht exotisch genug.” Mit der Folgerung der entsprechenden Unterrepräsentanz in musealen Kunstsammlungen (1) und in zentralistischen Mega Events, wie der Documenta, die heutige Kunstgeschichte schreiben. Catherine David, künstlerische Leiterin der Documenta X, schloss mit der o.a. Begründung fast das ganze östliche Europa aus ihrer Auswahl aus (2). Auch unter Okwui Enwezor, Leiter der diesjährigen Documenta XI, erlebte die Repräsentation der Kunst aus Osteuropa keine wirkliche Hochblüte.

Vor 12 Jahren, nach der sanften Wende 1989, herrschte allerdings Euphorie zwischen Wien und Bratislava. ‚Wir heißen die Friedensboten willkommen‘, so begrüßte seinerzeit der slowakische Kulturminister, Doz. Chudik, die österreichischen KünstlerInnen bei ihrer großen Schau QUERDURCH in Bratislava, und die österreichische Bundesministerin für Unterricht und Kunst erwiderte, dass nunmehr die äußeren und inneren Grenzen gefallen wären, und dass die Neugier und Freude am gegenseitigen Wieder Kennen Lernen unermesslich groß wäre. (3)

Vielleicht liegt es ja doch nicht nur am Exotik Faktor, dass die zuvor zitierte unermessliche Freude des Wieder Kennen Lernens sich über die Jahre doch nicht so manifestierte, sondern neben politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sowie den Zeitkategorien im sozio-ökonomischen Transformationsprozess der Reformländer (4), auch einfach an der Bereitschaft zu einem offenen, gleichberechtigten und von gegenseitiger Inspiration getragenen Dialog.

Eine Inspiration gezeichnet von einer neuen Vielschichtigkeit, von einer Erweiterung der Denk-Kategorien über künstlerischer Prozesse, statt einer Einengung auf west-zentrierte Sichtweisen. Denn spannend wird ein Austausch erst, wenn man sich auf die unterschiedlichen Referenz-Systeme einlässt. Inke Arns, Berlin, zitiert in ihrem Vortrag über Avantgarde in Rückspiegel die These „dass eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Avantgarde in Osteuropa – im Gegensatz zum Westen – nie nur mit der Form, sondern vor allem mit den ethischen und gesellschaftspolitischen Prinzipien der Avantgarde-Künstler stattfindet. (5) Kazimir Malevic gilt hier nicht nur als Begründer der formalen Abstraktion, sondern auch als Begründer eines umfassenden, totalen Denksystems.” Lev Manovich untersucht in seinem Text ‚Russian New Media‘ (6) die eigenen Zugangsweisen russischer Künstler zu den neuen Medien und fragt sich am Ende, ob Russland es schaffen wird, den Vormarsch von Bill Gates‘ ästhetischem Imperialismus zu stoppen.

Unsere Kulturarbeit im österreichisch slowakischem Raum hat direkt nach der sanften Wende 1989 begonnen, eine Wende, die maßgeblich von Künstlern gestaltet und getragen wurde. Wenn QUERDURCH die erste große Schau österreichischer Künstler in der Slowakei nach der Wende war, so war unsere 3 Stationen Schau KOSICE BRATISLAVA WIEN die erste gemeinsame Präsentation österreichischer und slowakischer Künstler nach 89. Und genau diesen Weg der Gegenseitigkeit, des Dialogs, der offenen spontanen Sprache, den wir von Anfang an gewählt haben, verfolgen wir auch als KulturAXE weiter.

1991 folgte unsere nächste Ausstellung im Palais Mirbach, der Galerie der Stadt Bratislava, mit dem Titel DIAGONALE als Brückenschlag zwischen verschiedenen Generationen und Kulturen. In diesem Jahr fand auch das erste Sommersymposium in der Slowakei statt – ein Projekt, das sich mittlerweile zu einer Kommunikationsplattform mit weltweiten Kontakten entwickelt hat.

KulturAXE wurde von KünstlerInnen aus Österreich, Slowakei und USA gegründet und ist ein Forum für Kommunikation, interdisziplinäre und experimentelle künstlerische Zugänge mit Sitz in Wien. Die Veranstaltungen fanden in Österreich, Slowakei, Ungarn und Italien statt mit Partnern aus Europa und außer-europäischen Nationen. An den Sommersymposien in der Slowakei und Ungarn haben rund 650 TeilnehmerInnen aus allen Kontinenten teilgenommen sowie 105 StipendiatInnen, davon 80 aus Osteuropa.

Die Achsen Wien-Bratislava oder Johannesburg-Wien sind ebenso Programm der KulturAXE, wie die Achsen im unmittelbaren Stadtraum, zu anderen KünstlerInnen, Ateliers, Kunstinstitutionen. Die Projekte und Aktivitäten von KulturAXE waren und sind auf grenzüberschreitende Kommunikation ausgerichtet, auf Begegnungen, Kooperationen zwischen Nationen, Disziplinen, Generationen.

Netzwerke, Knotenpunkte, Rhizome

Sind Achsen, Allianzen, Netzwerke die Instrumente und Strategien um die Utopie Kommunikation zu leben? Oder sind Netzwerke wieder geschlossene Universen der Informationseliten, auch in der Kunst?

Immerhin gibt es geglückte Allianzen und Netzwerke, die gemeinsame Projekte und Kooperationen ermöglichen und welche die überholten Ost/West Kategorisierungen mit neuen Europa Modellen ersetzen. Als solche Allianz und Netzwerk wurde 1995 die V2_East / Syndicate Initiative in Rotterdam gegründet, als Ost-West Kooperations-Idee; die Syndicate Mailingliste eingesetzt für einen kontinuierlichen Austausch über bevorstehende Veranstaltungen, Ideen und kollaborative Projekte. Dabei, so Florian Schneider, in seinem Essay „Balkanien” – Land ohne Grenzen, Künstlernetzwerke: „…kristallisieren sich in internationalen Communities wie der Mailingliste von Syndicate bereits Formen von Kooperation und Translokalität heraus, deren Fundament gegenseitiger Respekt ist und die auf ein anderes Europa verweisen, das so etwas wie das Gegenmodell zum Club der Schengen-Staaten sein dürfte und eben nicht durch seine inneren oder äußeren Grenzen abgesteckt sein wird” (7)

1997 wurde auf der Documenta X vom Syndicate Netzwerk ‚Deep Europe‘ ausgerufen, eine Metapher, die der bulgarische Künstler Luchezar Boyadijev definierte als: „Europe is deepest where there are a lot of overlapping identities.” (8) Für ein neues Verständnis der unterschiedlichen heterogenen, gleichzeitig nebeneinander existierenden kulturellen Tiefenschichten und Identitäten in Europa.

Wobei wir beim ‚Rhizom‘ wären, ein unterirdisches Tunnelsystem, subterrane Verbindungen, ein Begriff, den sich Gilles Deleuze und Felix Guattari aus der Botanik entliehen haben (9). Merkmale des Rhizoms sind die Prinzipien der Konnexion, der Heterogenität, der Mannigfaltigkeit. Jeder Punkt eines Rhizoms kann (und muss) mit jedem anderen verbunden werden […; ein Rhizom] verbindet unaufhörlich semiotische Kettenglieder, Machtorganisationen, Ereignisse aus Kunst, Wissenschaften und gesellschaftlichen Kämpfen…. das Rhizom ist Allianz, einzig und allein Allianz.“ (9)

Ein Effekt, auf den auch die heurige Europäische Biennale zeitgenössischer Kunst, der Manifesta 4, nicht verzichten wollte: das Projekt sollte, laut Pressetext, rhizomatische Strukturen entfalten, die ein Projekt mit einem anderen, eine Gruppe mit einer anderen und beide wiederum mit dem physischen Ort verbinden können.

Ist also vielleicht das Rhizom die Lösung für einen regen Austausch über die Grenzen hinaus, trotz Sehnsucht nach Exotik?

Auf alle Fälle, sehen die Tendenzen für einen verstärkten Austausch positiv aus, und ich schließe mich diesem Optimismus an. Boris Groys wird ab 2003 in Sachen ‚The post-communist condition‘ unterwegs sein, einem Projekt zur Präsentation und Dokumentation aktueller Kunst aus Osteuropa (10), in diesen Tagen stellen die StudentInnen der Kunstakademie aus Bratislava mit den StudentInnen der Angewandten Wien im hiesigen Parlament aus und KulturAXE bereitet eine Plattform vor, in Kooperation mit Bratislava, Budapest, Prag, Brünn für die gemeinsame Modellentwicklung einer Zelt-Struktur für Kunst, Kommunikation und Mobilität.

Zum Schluss gehen die Worte an Lisa Haskel, London, nochmals über Deep Europe:

„Not a political position, a utopia or a manifesto, but rather a digging, excavating, tunnelling process toward greater understanding and connection, …: a collaborative process with a shared desire for making connection.”

Und zur Stärkung des Vertrauens in die Machbarkeit der Utopia Kommunikation, das Lieblingszitat von Marko Peljhan, Betreiber des Makrolab, nämlich einen Satz von Buckminster Fuller aus den 1950er Jahren: „Die Welt ist heute zu gefährlich für alles, was nicht utopisch ist.” 

Fußnoten

(1) Boris GROYS, ‚Sammeln und gesammelt werden‘, in: Ders., Logik der Sammlung. Am Ende des musealen Zeitalters, München 1997, S. 46-62; hier: 57

(2) Inke ARNS: geäußert auf der Pressekonferenz vor Beginn der documenta X und während eines Besuchs von Catherine David im Hybrid WorkSpace während des Workshops „Deep Europe” am 1. August 1997; vgl. Inke Arns, ‚Deep Europe – some personal impressions: From horizontal to vertical mapping‘, in: Inke Arns / Andreas Broeckmann (Hg.), Deep Europe: The 1996 – 97 edition. Selected texts from the Syndicate mailing list, Berlin, Oktober 1997 <http://colossus.v2.nl/syndicate/synr1.html>

(3) Katalog QUERDURCH, Wiener Secession, 1990 (Vorwörter, Dr. Hilde Hawlicek, Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Sport / Doz. Ladislav Chudik, Kulturminister der SSR)

(4) Raum- und Zeitkategorien im sozio-ökonomischen Transformationsprozess der Reformländer, Vorlesung, Prof.Dr. Florin Zigrai, Ost-und Südosteuropa Institut, anlässlich des KulturAXE Sommersymposiums TIME WARP 99, Schloss Topolcianky, Slowakei

(5) Inke Arns (Berlin)
Die Avantgarde im Rückspiegel: Von der Utopie unter Generalverdacht zu einem neuen Begriff des Utopischen. Zum Paradigmenwechsel der künstlerischen Avantgarderezeption in Osteuropa von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart

(6) Behind the Screen / Russian New Media, Lev Manovich, 1997

(7) translocation_new media/art
A Translocal Formation: V2_East, the Syndicate, Deep Europe [this text appeared in the ostranenie 97 catalogue] By Andreas Broeckmann

(8) Gilles DELEUZE / Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 16, 17, 41

(9) Florian Schneider, „Balkanien” – Land ohne Grenzen, Künstlernetzwerke gegen die Logik des Krieges, Treffen in Budapest, der heimlichen Kulturhauptstadt Europas http://colossus.v2.nl/syndicate/index_frames.html

(10) Kulturstiftung des Bundes, 2002 (Regionaler Schwerpunkt Osteuropa): „Boris Groys ist Projektleiter von THE POST-COMMUNIST CONDITION, Beginn 2003. BG, Philosoph, tätig am ZKM (Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie), betont, dass die osteuropäische Kultur der Gegenwart als Passage zwischen politischen Systemen verstanden werden muss. Dabei diagnostiziert BG ein allgemeines methodisches Defizit bei der Präsentation und Dokumentation von aktueller Kunst und schlägt vor, osteuropäische Kunst exemplarisch für die Entwicklung digitaler Darstellungsformate zu erproben. Nach Stationen wie St.Petersburg, Belgrad, Ljubljana kehrt das Projekt an das ZKM zurück, wo es in einer Ausstellung und einem Online Archiv präsentiert wird.„

 

Die sinnliche Wahrnehmung eines Augenblicks Zeit

Caroline Charlotte Kaiser, Wien, 2004

Erschienen in: Hofstetter Kurt
Einen Augenblick Zeit – Parallaxe, Edition Selene, Wien, 2004

Sich einen Augenblick Zeit zu nehmen über „Einen Augenblick Zeit”, der Medienkunstinstallation von Hofstetter Kurt an einem Wiener Bahnhof zu reflektieren, katapultiert die eigene Denkmaschinerie zu schier überschäumender Aktivität, in der die Wellen gelebter oder sonst wie zugetragener Information aus allerorts sprießenden philosophischen und vordenkerischen Quellen zur tosenden Brandung mutiert, mit der Vorgabe die vielen irrwitzig an den Strand geschlagenen Meereszungen zu einer Essenz zu verquicken, die sich Moment nennt, also bei fortschreitender Überlegung das Lebens selbst zu einem Moment bündeln, denn da ist im Hinterkopf das Bild der am Bahnhof befindlichen Medienskulptur, die mit fast ironischem Augenzwinkern die mehrschichtigen komplexen Themen unserer Zeit in sich birgt, die ich der Einfachheit halber mit Schlagwörtern aus Paul Virilio’s Gedankengut umreißen möchte, passender weise aus seinem Aufsatz „Achtung Augen auf”, wie die Industrialisierung unseres Sehens, Geschwindigkeit und Beschleunigung, der mensch ausgesetzt ist in unserem hypertechnokratischem Digitalzeitalter, „in dem wir dem Versuch einer Automatisierung der sinnlichen Wahrnehmung der Welt gegenüber stehen”. Oder wie der wie der Videast Gary Hill erklärt: „Das Sehen ist nicht mehr die Möglichkeit zu sehen, sondern die Unmöglichkeit, nicht zu sehen.“

Es ließe sich noch herumschweifen in Begrifflichkeiten wie Klee’s Wahrnehmungstheorie des „thinking eye”, Virilio’s „vision machine”, den Behauptungen, dass Realzeit den Realraum überlagert hat, Globalisierung Lichtgeschwindigkeit sei und sonst nichts, dem schönen Bild, dass visuelle Eindrücke „body-shots” sind, und der atomaren Geschwindigkeit, mit der sich Bilder auf unserer Netzhaut materialisieren, oder wie sich durch die „Echtzeit“-Kommunikation in weltumspannenden Datennetz der philosophische Horizont des Menschen verschiebt.

All das führt zwangsläufig zur Schlussfolgerung, dass das Unterfangen „Synthese Moment” kein leichtes ist, und so könnte man sich auch der naheliegenden Versuchung hingeben, wie im umgänglichen Sprachgebrauch gerne und häufig angewendet, „Einen Augenblick Zeit” einfach zu nutzen in dieser besten aller Welten für einen schnellen Kaffee, eine Zigarette, oder in den Himmel zu schauen – wobei wir mit dem letzteren auch wieder bei einem Spezialgebiet von Hofstetter Kurt wären.

Literaturhinweise:

Yukio Mishima: „The Sea of Fertility”
Paul Virilio: „The Politics of ‚Real Time’”
Paul Virilio: „Achtung. Augen auf!“ (Hg.ZKM Karlsruhe)
Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespräch. „Die Informationsbombe” (ARTE, Nov 95)

 

Eine transnationale europäische Geschichte

Über Grenzen, Einigungen und Verwirrspiele hinaus

Caroline Charlotte Kaiser, Wien, 2002

 

Erschienen in: Das Handbuch der EUROPAREGION,
2002 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Meine eigene europäische Geschichte beginnt mit einem Verwirrspiel äußerer Attribute. War es eine Laune der Natur, dass seit Generationen hindurch die schwedische Familie meiner Mutter mit dem Attribut dunkler Haarfärbung bedacht worden ist, welches vor vielen Jahren in etwa dem Exotikgrad blonder Japaner entsprach? Oder war es tatsächlich, wie es unsere Familienchronik überliefert, eine direkte Folge der Hunnenstürme über Europa, die ziemlich ‚fremdländisch‘ aussehende Menschen dazu bewog um 500 n.Chr. in den hohen Norden zu ziehen um dort den Grundstein unserer Familie zu legen? Mein Vater wiederum, in Warnsdorf (Böhmen) und in Wien aufgewachsen, war blond und groß, und verhalf mir so auf Umwegen doch wieder zu einem, nach gängigem Schemata, schwedischem Erscheinungsbild. Diese familiären Umstände sorgten jedes mal für Verwirrung wenn die Gespräche auf nationale Identitäten kamen und man von mir wissen wollte, wo ich herkam.

Jedenfalls fühlte ich mich immer schon auf eine eigene Weise ‚multi- oder transnational‘. Vielleicht eine Grundprägung, die mich zunächst zu den Vereinten Nationen führte, dann nach Südafrika und wieder zurück in Wien an die Seite eines Künstlers aus der Slowakei, der seines an Verwirrung einbrachte, mit ungarischem Namen, slowakischem Geburtsort, deutschem Reisepass und österreichischem Führerschein, einer Kombination, die oftmals an Grenzübergängen für Diskussionen sorgte.

Und Grenzen sind hier das Thema, deren Abbau und Überwindung auf dem Weg in ein ‚geeintes‘ Europa. Doch was bedeutet ein geeintes Europa, welche Europa-Modelle stehen zur Debatte? Der Abbau einzelner politischer und wirtschaftlicher Grenzen innerhalb Europas impliziert gleichzeitig neue Außengrenzen und Verfestigungen. Die Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Themas stellt eine große Herausforderung dar, bedingt neue Denkmodelle und die Bereitschaft zu einem offenen, gleichberechtigten und von gegenseitiger Inspiration getragenen Dialog. Kunst- und Kulturprojekte bieten hier die Möglichkeit mehrdimensionaler Zugänge und entwerfen zunehmend neue translokale ‚Geografien‘. So wurde z.B. 1997 auf der Documenta X vom „Syndicate Netzwerk” (einer 1995 in Rotterdam gegründeten Initiative) ‚Deep Europe‘ ausgerufen, eine Metapher, die der bulgarische Künstler Boyadijev definierte als: „Europa ist am tiefgreifendsten, wo es die meisten überlappenden Identitäten gibt.” Ein Konzept, das für ein neues Verständnis der unterschiedlichen heterogenen, kulturellen Tiefenschichten und Identitäten in Europa eintritt.

Zudem leben wir heute in einer Welt, die zunehmend von Mobilität und Zirkulationen der Arbeit, Information und Kapital geprägt ist. Die ständige Zunahme dieser Flüsse und Zirkulationen führt sowohl zu Dezentralisierungen als auch zu neuen Grenzziehungen, wobei technische Standards, der Zugang und die Kontrolle über Wissen und Information die neuen Fronten bilden. Welche Rolle spielen hier noch geopolitische Grenzen?

14 Jahre nach der Wende 1989 in Osteuropa ist das Thema im Kunst- und Kulturaustausch ‚Ost-West‘ aktueller denn je. In Tagungen, Round-tables und Studien wird hinterfragt wie stark nationale Grenzen noch wirken, oft auch über kurze Distanzen hinaus, wie sie überwunden werden können, und ob Netzwerke Lösungen sind oder zu weiteren Marginalisierungen führen.

Als die Grenzen 1989 fielen, erfuhren wir zunächst die Euphorie über die Medien. Am Tag nach der Fernsehdokumentation bekamen wir in unserer Wiener Wohnung überraschend Besuch von ehemaligen Künstlerkollegen aus der Slowakei; es war ihre erste ‚freie‘ Reise nach Österreich, und die wurde mit großer Freude zelebriert. Somit wurde die Medieneuphorie sehr persönlich, und ich konnte erstmals Geschichte ‚fühlen‘. Es folgten viele Treffen, und nach dem Besuch einer Großinszenierung österreichischer Kunst in Bratislava, das dringende Gefühl einer gemeinsamen Aktion.

Das war der Beginn unserer Kunst- und Kulturprojekte, die direkt nach der Wende 1989 in Wien und Bratislava begonnen haben, und die schließlich zur Gründung des Vereins KulturAXE, transnationale Kommunikation & Kunstaktion, geführt haben.

Unsere erste große Ausstellung nützte die neue offene Grenze zwischen Österreich und der damaligen Tschechoslowakei um in beiden Ländern gemeinsam Werke zu präsentieren: „Kosice – Bratislava – Wien, nach 1989” fand in drei Stationen statt, in Kosice, in der Kunsthalle Bratislava und im Heiligenkreuzerhof Wien. Die nächste Ausstellung „DIAGONALE” wurde 1991 in der Stadtgalerie Bratislava veranstaltet. Im selben Jahr begann auch das erste Sommersymposion in der Slowakei.

Die Projekte und Aktivitäten von KulturAXE sind auf grenzüberschreitende Kommunikation ausgerichtet, auf Begegnungen und Kooperationen. Die bisherigen Veranstaltungen fanden in Österreich, Slowakei, Ungarn und Italien statt mit Partnern aus Europa und außer-europäischen Nationen. An den Sommersymposien in der Slowakei und Ungarn haben rund 650 TeilnehmerInnen aus allen Kontinenten teilgenommen sowie 105 StipendiatInnen, davon 80 aus Osteuropa.

LOD 2003, „Landscapes of Desire” ist das 13. Internationale Kunstsymposion und findet erstmals in Polen statt. Das Symposion versteht sich als Plattform für Zusammenarbeit und transkulturellen Austausch in einem breiten Spektrum künstlerischer Zugänge. Von einer Festung in Polen aus „operierend”, wird LOD 2003 die Entwicklung heutiger Festungen thematisieren und die Schwerpunkte auf Neuen Nomadismus, Migration und Mobilität setzen, sowie Projekte vorstellen, die mit neuen Konzepten räumlicher Organisation arbeiten.

Weiters wurde Anfang dieses Jahres unsere neue Plattform für mögliche Utopien in Wien eröffnet ‚CATA‘ (Communication.Arts.Technology.Architecture) für interdisziplinären Austausch und Zusammenarbeit in den Bereichen Kommunikation, Kunst, Technologie und experimenteller Architektur. Zielsetzung ist die gemeinsame Konzipierung und Umsetzung konkreter Projekte, die transdisziplinär und transnational ausgerichtet sind. Das erste Projekt ist die Modellentwicklung einer mobilen Kunst- und Kommunikations-Struktur auf Zelt-Basis mit Partnern aus Ungarn.

So hat meine europäische Geschichte mich auf einen transnationalen Weg gebracht, und es ist fast nicht mehr wichtig, ob es die Hunnen, Böhmen oder doch die Schweden waren, denen ich mein Aussehen verdanke.

 

OSTEUROPA

Caroline Charlotte Kaiser, Wien, Sep. 2005

Für das Buch: Die Enzyklopädie der wahren Werte. Die Wiederkehr des Gleichen in Architektur, Design, Lifestyle und Politik. Ein Passagenwerk.
Jan Tabor, Künstlerhaus Wien, 2005

Die bestimmende Landschaftsform in Osteuropa ist die riesige Osteuropäische Ebene, die sich u.a. bis zum Osteuropa von Asien abtrennenden Ural-Gebirge und Ural-Fluss erstreckt und im Norden an das eisige Nordpolarmeer stößt. (Wikipedia)

Östlich – den Osten betreffend: „die östlichen Völker Osteuropas und Asiens zeichnen sich durch eine eigenen Mentalität aus” (dt Wörterbuch)

Osteuropa ist Mythos, Fiktion, Realität, Hoffnungsträger, Expansionsmarkt und verkörpert im Allgemeinen Werte, die „wir im Westen” längst verloren haben. Ähnlich wie Ostafrika ist Osteuropa Himmelsrichtung und Georegion, allerdings hat die Grenze, an der Osteuropa beginnt, viele Namen. Früher, als es Osteuropa noch gab, hörte man z.B. „Hier endet die Grenze der Freiheit.”.

Heute ist der Begriff Osteuropa eigentlich nicht mehr korrekt, es verlangt als Präfix „ehemaliges” oder „ex”, es heißt auch öfters Mittelosteuropa oder MOEL (Mittel- und Osteuropäische Länder), Östliches Europa, Südosteuropa, Baltikum. So wird es einem nicht gerade leicht gemacht über Osteuropa zu sprechen und meistens gibt es nur eine vage Vorstellung, was genau gemeint ist.

Es ist aber zugleich hip und Thema zahlloser Konferenzen und Festivals. Nirgendwo sonst prallen Vergangenheit und Zukunft so schön aufeinander, die Gegenwart wird meist vergessen. Osteuropa ist gigantische Filmkulisse und Katalysator vieler bunter Begriffe wie kalter Krieg, Planwirtschaft, Kolchosen, Eiserner Vorhang, Berliner Mauer, Pan-Europa-Picknick, Glasnost, Perestroika, samtene Revolution. Osteuropa ist der missing link und lässt niemanden kalt, ein Klischee in praller Bildsprache, in warmen Tönen. Hier gibt es noch Romantik, Herzlichkeit, Ursprünglichkeit, Tomaten, die schmecken wie sie sollen, billige Zigaretten, Wodka, Musik und Tanz. Auch droht Gefahr aus Osteuropa, es ist oftmals korrupt und nährt die organisierte Kriminalität.

Aufgeklärte oder intellektuelle Kreise glauben nicht an diese Stereotype. Hier wird der östlichen Kunst- und Kulturszene geraten, Englisch zu lernen, sich zu vernetzen, mobil zu sein, die eigene Identität zu bewahren, Marketingstrategien anzuwenden und professionell aufzutreten. Es würde dann alles gut werden im Neuen Europa, eine neue Landkarte der heterogenen kulturellen Identitäten, gleichberechtigt und sich gegenseitig inspirierend, würde entstehen. Und wie gesagt, Osteuropa gibt es so nicht mehr, in Belgrad lief 2003 „The last East European Show”, im Museum zeitgenössischer Kunst. Somit beginnt der schwierigste Teil, der Prozess des Umdenkens, der Wert „Osteuropa” muss komplett neu konstruiert, erdacht und erfühlt werden. Vielleicht helfen die folgenden Literaturhinweise ein wenig. Viel Glück!

Lit/Web: Marina Grzinic, Fiction Reconstructed, Eastern Europe, Post-Socialism & The Retro-Avantgarde, Edition Selene, 2000; IRWIN, East Art Map, www.eastartmap.org; The Art of Eastern Europe, 2000+ Arteast collection, Folio Verlag. Mind the Map! – History Is Not Given, 2005.

EAT-ART TRANSKULTURELL

Der Tisch und das gemeinsame Essen in Kunstrezepten aus der transkulturellen Küche

Caroline Charlotte Kaiser, Wien, 2009

Eat-Art als Kunstform ermöglicht die sinnliche Wahrnehmung komplexer transkultureller Prozesse. Der Tisch und das gemeinsame Essen als Stilmittel bieten vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten um Formen der Gemeinschaft auszudrücken. Der Tisch als Kommunikationsort, an dem Essen, Zeit und Emotion geteilt wird.

Der Tisch, insbesondere der Esstisch oder Gästetisch, dient dabei als Metapher, soziales Sinnbild und zentrales gestaltendes Element. Das zugrunde liegende kulturelle Konzept in der Begegnung zwischen Kulturen ist hier jenes der Transkulturalität basierend auf den Aufsatz des Philosophen Wolfgang Welsch „Transculturality – the Puzzling Form of Cultures Today”. Entgegen des traditionellen Konzeptes der Monokulturen, das einzelne Kulturen als autonome Inseln sieht, die im besten Fall nebeneinander bestehen, richtet der transkulturelle Ansatz den Fokus auf das Miteinander, auf die Verwobenheit der Kulturen, die heterogene und hybride Identität. Während auch die Konzepte der Interkulturalität und der Multikulturalität ihren Ausgangspunkt im Trennenden sehen, begründet sich die Transkulturalität im Gemeinsamen, ohne dabei eine uniforme Weltkultur anzustreben.

Der Fokus richtet sich auf die Thematisierung des sozialen und kommunikativen Aspekts des Teilens eines Tisches zum Mahl, dem Wechselspiel der Identitäten und der Metamorphose. In Form von Austausch und Interaktion zwischen den ProjektteilnehmerInnen aus unterschiedlichen Kulturen werden Gemeinsamkeiten, Unterschiedlichkeiten und Überlappungen ausgelotet.

Inter-, Multi-, Transkulturalität
Basierend auf den Aufsatz des Philosophen Wolfgang Welsch „Transculturality – the Puzzling Form of Cultures Today”, steht Interkulturalität für den Versuch der Kommunikation und der Förderung des Verständnisses zwischen einzelnen, jedoch in sich geschlossenen Kulturen. Multikulturalität widmet sich den Konflikten verschiedener Kulturen, die in einer Gesellschaft zusammen leben, sucht Wege der gegenseitigen Toleranz, mündet aber in der alltäglichen Praxis oftmals in Gettoisierung und kulturellem Fundamentalismus. Transkulturalität bezieht sich auf die Komplexität moderner Kulturen und auf die heutige Vernetzung und Austausch unterschiedlicher Lebensformen, Werten und Weltanschauungen. Kulturelle Identität ist hier nicht gleich nationaler Identität, sondern es geht um das Erkennen „fremder” Elemente in uns. Diese transkulturellen Elemente in der eigenen Identität agieren wie gemeinsame Ankerpunkte in der Überwindung traditioneller kultureller Schranken und führen zu einer neuen kulturellen Diversität. So geht es nicht mehr um die Gegenüberstellung klar voneinander abgegrenzter Kulturen, sondern um die Gleichzeitigkeit von Überlappungen und Unterschiedlichkeiten. Anstelle von Trennung und Grenzen treten Austausch und Interaktion.

Eat-Art als künstlerisches Medium, der Tisch als Stilmittel
Eat-Art als Kunstform ermöglicht die sinnliche Wahrnehmung und Umsetzung komplexer transkultureller Prozesse. Die Moderne definiert sich stark durch die Trennung von Natur und Kultur. Die industrialisierten Ernährungsformen des schnelllebigen 21. Jahrhunderts führen in diesem Kontext oft zu einer Selbstentfremdung des Menschen. Transcultural Eat-Art versteht sich als dem Leben nahes Gesamtkunstwerk, das alle Sinne anspricht. Entgegen Adornos Ansiedelung der „kulinarischen Kunst” in der Anästhesie und Sinnabstumpfung will das Kunst-Essen die Sinnesempfindung für eine differenzierte sinnliche Wahrnehmung schärfen. Dabei wird der Bogen über die Anregung der sechs Formen des Bewusstseins – Sehen, Hören, Geruch, Geschmack, Berührung und Geist/Seele – zur Selbstwahrnehmung gespannt.

Transcultural Eat-Art unternimmt den Versuch das Konzept der Transkulturalität auf kulinarisch künstlerische Weise zu visualisieren und umzusetzen. Dabei werden in der Interaktion zwischen den ProjektteilnehmerInnen aus unterschiedlichen Kulturen sowohl gemeinsame als auch eigenständige Referenzpunkte kultureller Identität gesucht und in neuen Landschaften vereint.

Künstlerisches Mittel ist die Nahrung. Der Tisch ist „Bildträger”, funktionales Design-Objekt und Symbol. Als Symbol steht der Tisch für Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit, Vertrautheit, Intimität. Der Tisch als Kommunikationsort, an dem Essen, Zeit und Emotion geteilt wird.

Der Esstisch und die Tischgemeinschaft, soziale und kulturelle Bedeutung
Die zentrale soziale Rolle des gemeinschaftlichen Mahls ist bereits 380 v Chr mit den Symposien Platons belegt, welche jeweils als ausschweifendes Gastmahl den Rahmen für philosophische Debatten bildete. Das gemeinsame Essen und die Tischgemeinschaft sind für das Zusammenleben von Menschen, gleich welcher Kultur, von entscheidender Bedeutung. Das Kulturphänomen Essen generiert immer eine eigene Form der Kommunikation. So versammelt sich die Familie um den gedeckten Tisch zum Essen, zur Kommunikation und als Symbol der Zusammengehörigkeit. Am Kommunikationsort Tisch werden festliche Rituale zelebriert, Alltag und Festtag strukturiert. Die Art wie der Tisch gedeckt wird und der Aufbereitung der Speisen spiegeln die kulturelle Identität wider. Ob im familiären Rahmen, zu gesellschaftlichen oder anderen Anlässen, gemeinsam an einen Tisch zu sitzen, demonstriert immer eine gewisse Einheit. Vertrautheit oder Intimität sind dabei entweder Voraussetzung oder können durch das gemeinsame Mahl erzeugt werden. Von der Tafel als Repräsentationsinstrument und sozialem Status zum „Tisch für zwei” spannt sich ein breiter Bogen unterschiedlichster Tischgemeinschaften. So bietender Tisch und das gemeinsame Essen als Stilmittel vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten um Formen der Gemeinschaft auszudrücken.

Der Gästetisch
kulturelle Tradition in Europa und Japan
Der Gästetisch ‚La table d’hôtes‘, bedeutet, dass die Gäste alle dasselbe Menu am selben Tisch essen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es in Frankreich üblich, dass Hotelgäste gemeinsam an einem langen Tisch saßen und miteinander tafelten. Es gab jeweils ein einziges Menü für alle Anwesenden. Reisende aus aller Welt trafen so aufeinander, tauschten sich aus.

Im englischen Sprachgebrauch taucht dieser Begriff Anfang des 17. Jahrhunderts auf. Es ist ein Anzeichen dafür, dass sich die Kultur des Gästetisches in Europa verbreitet hat. Heute gehören die Tables d’hôtes in Frankreich und in Belgien oft als Angebot zu den Gästezimmern; dabei genießt der Gast gemeinsam mit seinen Gastgebern und anderen Besuchern das Abendessen. Auch in Wien gibt es nunmehr Lokale, die mit einem oder mehreren langen Tischen ausgestattet sind – auch bekannt als ‚Einheitstisch‘. Diese Ausstattung dient vor allem der Kommunikation, es kann zu beliebigen Zeiten und in beliebiger Anzahl, je nach freien Plätzen, mit individueller Konsumation Platz genommen werden.

Die japanische Version des ‚table d’hôtes‘ wird als Teishokubezeichnet. Hier liegt der Hauptaugenmerk allerdings auf dem Anbot eines fixen Menus zu einem günstigen Preis. Kulturell gilt in Japan, dass das gemeinsame Essen aus einem Topf eine engere Freundschaft bewirkt. Das Kochen am Tisch wiederum hat in Japan eine starke Tradition und ist bekannt als Teppanyaki (teppan = Eisenplatte, yaki = grillieren), übersetzt:“kochen auf der heißen Platte“. Die Zubereitungsart gilt als besonders gesund, da sehr fettarm gekocht werden kann. Ein Teppanyaki-Kochfeld misst rund drei Meter.

Eat-Art – kurzer Überblick zu Kochen als Kunst
„Jede Speise teilt mit, wer der Koch oder die Köchin ist, in welcher Zeit und Kultur sie leben, in welcher Gegend sie leben. Sie stellen mit jedem Gericht ein Dokument ihrer Existenz dar und identifizieren sich mit diesem“. Peter Kubelka

In den 1920er und 30er Jahren wurde die kulinarische Praxis bei den Futuristen, einer italienischen Künstlergruppe um Marinetti und Fillià, zum Gegenstand und Inhalt der modernen Kunst. Die Inszenierung des Kochens als Kunst führte bei den Futuristen zur Installation einer Künstlerküche in Form eines Restaurants, das auch als Ausstellungsraum und Austragungsort kulinarischer Happenings fungierte. 1931 wurde so in Turin die Experimentalküche namens ‚Santopalato‘ (Taverne zum heiligen Gaumen) eröffnet. Daniel Spoerri führte in den 1960er diese Tradition fort und eröffnete 1968 in Düsseldorf das „Restaurant Spoerri”. Peter Kubelka, der 1934 in Wien geboren ist, erklärte schließlich, dass es sich bei der Zubereitung des Essens „um eine bildende, ja um die älteste Kunst überhaupt handelt”. Dabei definiert Kubelka das Kochen als kommunizierendes Medium: 1980 führte er an der Städelschule in Frankfurt am Main die Analyse des Kochens als Unterrichtsfach ein und leitete dort die „Klasse für Film und Kochen als Kunstgattung“. „Jede Speise teilt mit, wer der Koch oder die Köchin ist, in welcher Zeit und Kultur sie leben, in welcher Gegend sie leben. Sie stellen mit jedem Gericht ein Dokument ihrer Existenz dar und identifizieren sich mit diesem“. 1997 hielt Eat Art Einzug in die Documenta X mit der Arbeit von Christian Höller und Rosemarie Trockel „Ein Haus für Schweine und Menschen”, wobei es um eine zentrale Problematik der modernen Landwirtschaft ging, der Massentierhaltung und dem menschlichen Umgang mit Nutztieren. Der in Singapur geborene Künstler Matthew Ngui präsentierte auch auf dieser Documenta seine interaktive Installation und Performance ‚You can order and eat delicious poh-piah‘. 2002 widmet das Kunstforum international/D zwei Bände (Bd 159 und 160) dem Essen und Trinken in der Kunst (Essen als künstlerisches Motiv, Nahrung als künstlerisches Mittel und Kochen und Speisen als Aktion). Es erscheint die „große Enzyklopädie zum A-Z des Essens und Trinkens in der bildenden Kunst”.